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Vogelfrei - nicht nur irgendein Tag

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Geschrieben von: Ute
Mittwoch, den 11. Februar 2009 um 21:57 Uhr

Vogelfrei - nicht nur irgendein Tag

Seit 2 Stunden las er die Zeitung. Seine Augen wanderten über die Seiten, folgten den Höhen und Tiefen der Buchstaben, verweilten kurz auf Punkt und Komma und folgten weiter dem Strom der Wörter zu einem Bild, das sich in viele unterschiedlich große schwarze Pünktchen auflöste. Er war müde, dabei war er gestern früh zu Bett gegangen. Eine Bewegung. Er nahm sie aus den Augenwinkeln wahr und langsam ließ er die Zeitung auf den Tisch sinken.

Er saß neben dem Fenster am aufgeräumten Küchentisch und konnte durch die Sträucher in seinem Vorgarten den Briefträger sehen, der gerade im Begriff war, die Post in den Briefkasten zu werfen. Nacheinander schob der Mann mehrere DIN A4-Umschläge durch den Schlitz. Er zählte mit: Fünf! Auch ohne auf die Uhr zu schauen, wusste er, dass es gegen 11.00 Uhr war. Der Briefträger kam immer um diese Zeit. Irgendwann zwischen 10.30 Uhr und 11.30 Uhr. Es war Zeit, sich um das Mittagessen zu kümmern. Die Briefe konnten warten. Er wusste sowieso was ihn erwartete.

Ordentlich faltete er die Zeitung zusammen und legte sie beiseite. Er legte die Hände auf den Tisch und strich über die rotkarierte Tischdecke, obwohl nicht das kleinste Fältchen zu sehen war. Die Sonne schien warm in die Küche auf den kleinen Esstisch, den er auf Drängen seiner Frau vor zwei Jahren in die Küche eingepaßt hatte. Seit die Kinder aus dem Haus waren, wollte seine Frau nicht mehr bei jeder Mahlzeit das Esszimmer benutzen: „Für uns Beide reicht ein kleiner Tisch in der Küche!“ Und er hatte damals eine Woche Urlaub geopfert, um die Küche zu renovieren und die Essecke einzubauen. Er war sehr stolz auf seine Arbeit. Keiner sah den Einbauschränken an, dass sie nicht von einem teuren Küchenhersteller stammten. ‚Damals....‘ seine Gedanken schweiften zurück, ‚damals war ich noch wer! Abteilungsleiter! Mit Kostenstellenverantwortung und Vorgesetzter von drei Sachbearbeitern! Damals! Als noch der alte Herr die Firma leitete und der forsche Herr Sohn sich in USA herumtrieb. ‚Studieren‘ nannte der das! Damals ging es der Firma gut, die Produktion war ausgelastet, zwar saisonbedingt mit Höhen und Tiefen, mal Leerlauf, mal Überstunden, aber übers Jahr gesehen....‘ Er wusste, dass diese Grübeleien zu nichts führten, aber immer noch, nach über 6 Monaten, konnte er das Ende „seiner“ Firma nicht verkraften. Nach dem Konkurs arbeitete er noch ein paar Wochen für den Konkursverwalter und dann schloss er den Laden. Er machte damals das Licht aus. Für immer. Seine Kollegen und er saßen von heute auf morgen auf der Straße. Nach über 25 Jahren. Ausrangiert. Aus.

Einfach so: Aus! Raus aus dem Arbeitsleben! Der erste Gang zum Arbeitsamt war ein Spießrutenlaufen. Vor einer jungen Frau, vielleicht Anfang 20, eher jünger, musste er Rechenschaft ablegen über seinen beruflichen Werdegang, was er gelernt, ob er sich weitergebildet hatte. Dieses „ob“ klang immer noch in ihm nach, er war getroffen, beleidigt, empört, verwirrt. Ob! Er war so stolz auf seine Weiterbildung zum Handelsfachwirt, glaubte damals bei der Feierstunde, bei der Übergabe der Urkunden, einen Pokal in Händen zu halten. Glaubte, dass ihm dieser Zettel seinen Job in Zukunft garantieren würde. Und dann: Aus! Er musste erfahren, dass er zu alt für die moderne Arbeitswelt war.

Zu alt! Zu was? Er hatte gerade, unlängst, vor 2 oder 3 Wochen, seinen 46. Geburtstag gefeiert. Zu alt! Seine Tochter mit Mann und Kind waren da, sein Sohn, der in Berlin studierte, ausgerechnet Betriebswirtschaft, seine Schwester mit Familie, Freunde, Nachbarn. Sie alle sprachen ihm Mut zu, beschworen ihn, den Kopf nicht hängen zu lassen, zu kämpfen. Sein Sohn hielt ihm einen Vortrag über Flexibilität und Motivation. Und seinen Schwiegersohn, der ihn mit dem Spruch „Wer arbeiten will, findet auch was“ aufmuntern wollte, hätte er um ein Haar aus dem Haus geworfen. Er war froh, als am späten Abend endlich alle wieder aus dem Haus waren und Ruhe einkehrte.

Ruhe! Wie oft hatte er sich früher in den turbulenten Tagen während der Hauptsaison, nach Ruhe gesehnt. Wie gerne hätte er die Hektik im Büro gegen ein bisschen Freizeit eingetauscht. Wie oft hatte er sich vorgenommen, kürzer zu treten und mehr mit Frau und Kindern zu unternehmen. Jetzt waren die Kinder groß, aus dem Haus und seine Frau brauchte ihn im Haushalt nicht. Er solle lieber den Stellenangeboten nachgehen, sich kümmern, sich bewerben, Kontakte pflegen, predigte sie ihm. Sie arbeitete halbtags und hatte es nicht gern, wenn er am Vormittag zu Hause putzte. Das sei ihre Arbeit, gab sie ihm zu verstehen, er solle seine Zeit besser für sich nutzen.

Zeit! Er hatte jetzt gelernt, wie sich Minuten zu Stunden, Tagen, dehnen konnten. Er selbst hatte früher über die Drückeberger gelästert, die den ganzen Tag untätig zu Hause herumsitzen und nur sich selbst bemitleideten. Jetzt, da er alle Zeit der Welt hatte, wusste er nichts mit sich anzufangen. Warum auch? Morgen war auch wieder ein Tag. Wieder so ein endloser, ereignisloser Tag. ‚Den Tag mit Leere füllen‘ ging es ihm durch den Kopf ‚hübsches Wortspiel! ...mit Leere füllen.‘ Im Garten arbeiten mochte er nicht, er fürchtete sich vor dem leutseligen Getue der Nachbarn, fühlte ihre neugierigen Blicke im Nacken. Alleine Spazierengehen, wie die alten Witwer, kam auch nicht in Frage und Fremdsprachenkurse traute er sich nicht anzufangen, denn er könnte ja doch eine Stelle kriegen. Ein ehemaliger Kollege nannte das ‚Warteschleifen fliegen‘.

Warten! Auf was? Er seufzte und schaute auf die Uhr. Zeit, Kartoffeln zu schälen und aufzusetzen. In einer halben Stunde würde seine Frau heimkommen. Er stand auf und kramte unter der Spüle den Kartoffeleimer hervor. Sorgfältig suchte er vier gleichmäßig große Kartoffeln heraus, stellte den Eimer zurück und drehte den Wasserhahn auf. Unter kaltem Wasser wusch er nacheinander die Kartoffeln, jede wurde penibel abgebürstet, und ließ sie unter dem fließenden Wasser liegen. Er suchte im Topfschrank nach dem hellblauen Emailletopf, der für die Kartoffeln reserviert war, füllte ihn halbvoll mit Wasser und fügte eine Prise Salz dazu. Er stellte den Topf auf den Herd und schaltete die Kochplatte ein. Er zog die Besteckschublade auf, fingerte nach dem Küchenmesser. Er suchte das mit dem roten Griff, das hatte er am liebsten. Als er die erste Kartoffel in die Handfläche legte um sie zu vierteln, rutschte er mit dem scharfen Messer ab und schnitt sich in den Daumen. Fluchend ließ er Kartoffel und Messer in die Spüle fallen und hielt seinen blutenden Daumen unter den Wasserstrahl. Er sah zu wie die Blutstropfen in den Abfluss gespült wurden und dachte: ‚Wie mein Leben. Einfach so: Weg!‘

Weg! Eigentlich bin ich gar nicht mehr da.‘ Seine Gedanken gingen durch das Haus und suchten nach seinen Spuren. Im Wohnzimmer hingen gestickte Bilder und Aquarelle seiner Frau, ihr Strickzeug lag immer auf der Couch neben dem Fernseher, den Flur schmückten bunte Zeichnungen von seinen Kindern, die Möbel hatte seine Frau ausgesucht, auch alles andere, Lampen, Tapeten, Handtücher, Gardinen. Von ihm, von ihm war nur die Küche. Er versuchte sich an früher zu erinnern, als die Kinder noch klein waren. An noch früher, an seine Jugend, als er seine Frau kennenlernte, als er die Schule verließ und die Lehre anfing. ‚Den Kopf voller hochfliegender Pläne hat der Bub‘ staunte seine Mutter oft. Wo waren sie, die großen Träume? Er suchte in seiner Erinnerung. Wann hatte er begonnen, sich zu verändern, seine Träume aufzugeben, alles hinzunehmen?

Sein Daumen hatte zu bluten aufgehört. Er wischte seine Hände an der Hose ab, während er aus der Küche ging, griff seinen Autoschlüssel und verließ das Haus. Am Gartentor traf er auf seine Frau, die gerade von der Arbeit kam. Er murmelte etwas, was sie nicht verstand, ging an ihr vorbei zu seinem Auto. Ihm war etwas eingefallen. Urplötzlich. Er hatte einen Entschluß gefasst. Und jetzt würde er ihn in die Tat umsetzen. Heute. Jetzt.

Er stand oben auf dem Turm, einen stillgelegten Sendeturm, und schaute in die Tiefe. Die Fernsicht war heute besonders gut. Die Berge waren zum Greifen nah und die Stadt zu seinen Füßen sah so sauber und idyllisch aus, wie auf einer Postkarte. Von hier oben konnte er sein Haus sehen. Ein sauberes kleines Häuschen zwischen anderen sauberen kleinen Häuschen. Der Himmel war wolkenlos. Er beobachtete einen Bussard, der ruhig in den warmen Aufwinden über der Stadt seine Kreise zog. Ein ganz leichter Wind spielte in seinen Haaren. Ein perfekter Tag. Seine Füße tasteten sich immer weiter vor, bis seine Zehen weit über die Brüstung ragten. Er fühlte sich gut, zufrieden, ohne Angst, endlich wieder im Reinen mit sich selbst.

Er sprang.

Die Arme weit ausgebreitet, wie die Schwingen des Bussards, stürzte er in die Tiefe. Er flog! Er war frei! Vogelfrei! Aus seiner Brust drang ein Schrei der Erleichterung. Er streckte seine Arme vor, wie ein Läufer, der versucht schneller ans Ziel zu gelangen. Wie ein Schwimmer, der gestreckt vom Startblock ins Wasser taucht. Der Boden raste ihm entgegen. Er öffnete die Hände, spreizte die Finger, um die Erde zu begrüßen.

Irgendwann vor langer Zeit, hatte er die Lebensfreude verloren. Seine Träume waren groß, er selbst hatte sie klein gemacht. Mit seinen Ängsten, Rücksichten, mit den Anforderungen an sich selbst, seinen Zielen, mit diesen Wenn und Abers. Er selbst hatte den Weg in die Sackgasse gewählt. Aber er war nicht lebensmüde! Er hatte noch was vor mit diesem seinem Leben. Er war noch nicht fertig!

Ein mächtiger Ruck drohte seine Füße abzureißen. Die Erde entfernte sich wieder und das starke Gummiseil schleuderte ihn zurück in die Luft. Er ruderte mit den Armen und lachte. Ein mächtiges Glücksgefühl durchströmte ihn. Mit jeder Faser seines Körpers spürte er, dass er lebte. Und wie er lebte! Wieder fiel er der Erde entgegen. Wieder zog ihn das Seil hinauf, nicht mehr so hoch. Wieder hinunter. Starke Arme fingen ihn ein und hielten ihn. Zwei junge Männer entfernten das Bungee- Seil, klopften ihm auf die Schultern und beglückwünschten ihn. Er konnte sie kaum verstehen, so rauschte das Blut ihn seinen Ohren. Einer der jungen Männer sprach ihn an, wollte wissen, ob alles ok ist. Es war alles bestens! Er nickte nur, unfähig zu antworten, statt dessen umarmte er den Mann stürmisch.

Seine Lebensgeister kitzelten ihn und brachten ihn wieder zum Lachen. Er hatte tatsächlich den Mut zu diesem Sprung aufgebracht, hatte sich diesen langgehegten Wunsch erfüllt. Er hatte die Wahl zu springen, oder zu Hause zu bleiben. Er hatte die Freiheit zu wählen. Er war gesprungen.

Und dieser Sprung war der Anfang des Weges aus dieser Sackgasse, die sein Leben war. Und aus dieser Sackgasse würde er genauso herauskommen wie er hineingekommen war: Schritt für Schritt. Der Anfang war gemacht. Heute.