Koma
Koma
Ich denke, ich sollte Tagebuch schreiben. Es passieren so seltsame Sachen um mich herum. Jetzt ist mir so, als verschwinden mir die Tage. Nächte kenne ich schon seit langem nicht mehr. Ich schlafe nicht. Ich will mir alles aufschreiben, aber: Wo ist Papier?
Tag 5
Ich bin so allein. Es gibt niemanden mehr. Wenn ich aus der Balkontür schaue, sehe ich den Eiffelturm und das Empire State Building. Weit draußen auf dem Badesee winkt die Freiheitsstatue mit ihrer Fackel. Die Dächer der Häuser wiegen sich im leichten Wellengang. Graue Wolken treiben an einem Leuchtturm vorbei. Dieses Bild habe ich mal gemalt, es hing im Wohnzimmer über der Couch. Ich muss ständig durch mein Haus laufen und nachsehen, dass noch alles da ist. Wenn ich nicht nachschaue, verschwindet es. Trotzdem darf ich nicht zu genau hinsehen, dann wird es unscharf. Ich muss versuchen, die Kontrolle zu behalten, aber ich darf nicht zu genau hinsehen. Wenn ich mich aufrege, wird mir heiß und schwarz und wieder verschwindet etwas. Für immer. Es bleiben mir nur Ahnungen.
Tag 23
Heute dachte ich, jemand ist in der Küche. Ich erinnere mich, dass früher mein Mann mir jeden Morgen das Frühstück gemacht hat. Ich bin voller Freude in die Küche gelaufen, aber da war nur noch ein Schatten. Ich muss seit Tagen nichts gegessen haben. Ich habe aber keinen Hunger. In dem Kühlschrank liegt eine kleine schwarze Tür. Ich bekomme Angst und werfe die Kühlschranktür zu. Heiße Finsternis umgibt mich. Ich verliere das Bewusstsein.
Tag 341
Ich habe keine Kalender im Haus gefunden. Dabei hing immer in jedem Raum einer. Sie sind weg. Mir ist aufgefallen, dass es keine Jahreszeiten mehr gibt. Die Tage sind alle gleich und Nächte, aber das sagte ich ja schon, gibt es keine mehr. Ich habe eben aus dem Wohnzimmerfenster geschaut und wollte mal nach dem Wetter sehen. Das Haus gegenüber ist nicht mehr da. Jedenfalls nicht mehr so richtig. Es sieht verschwommen aus. Ich erkenne kaum noch die Konturen. Und es ist klein geworden, ich kann den Wald dahinter sehen. Auf der anderen Seite meines Hauses ist mein Garten. Gestern habe ich dort meinen Vater im Gras liegen sehen. Als ich zu ihm gehen wollte, rückte er immer weiter weg. Er sah so jung aus, wie er da lag und lächelte. Wie auf einem Foto.
Ich habe im Arbeitszimmer ein Blatt weißes Papier gefunden, aber keinen Stift. Das macht aber nichts, die Wörter erscheinen auch so auf dem Papier.
Tag 370
Heute wollte ich in den Keller gehen. Ich habe die Tür nicht gefunden. Ich bin endlose Gänge entlang gelaufen und habe in viele Büros gesehen. Es war niemand da. Ich glaube zu wissen, dass mein Haus nur 4 Zimmer hat. Wie geht das?
Ich habe den Tagebucheintrag von gestern gesucht. Er ist nicht da. Aber immerhin liegt immer ein leeres Blatt auf meinem Schreibtisch, wenn ich in mein Arbeitszimmer gehe. Ich versuche, mir meine Familie vorzustellen. Aber ich habe vergessen, wie sie aussehen. Manchmal denke ich, sie rufen mich. Aber das bilde ich mir wohl nur ein. Um mich herum ist nur Stille. Selbst meinen Atem kann ich nicht hören.
Tag 523
Vorgestern wollte ich auf den Dachboden gehen. Nach langem Suchen habe ich die Treppe gefunden und ich bin stundenlang Stufe für Stufe hinaufgestiegen. Seltsamerweise blieb das Bild von dem Papagei immer neben mir. Als ich mir das Bild genauer anschauen wollte, wurde es unscharf und zum Schluss war es nur noch nasse Farbe, die davonlief. Ich habe es nicht bis zum Dachboden geschafft.
Ich bin so müde geworden und hatte Herzrasen. Dann wurde mir auf einmal ganz warm, Hitze spülte durch mich hindurch und dann fiel ich. Ich fiel durch die Treppen hindurch, durch die Stufen, die Geschossdecke, Kellerdecke, das Fundament und immer weiter. Mir wurde schwarz vor Augen und diese Schwärze umhüllte mich und klebte an mir. Es wurde alles so eng. Die Schwärze verschlang mich und ich war weg. Als ich wieder aufwachte, saß ich in meiner Küche und schaute in den Garten. Der Himmel ist nicht mehr da. Ich habe Angst.
Tag 550
Ich habe die schwarze Tür wieder entdeckt. Sie ist aus Glas. Über das Glas laufen blaue Blitze. Die Tür sieht so bedrohlich aus.
Tag 1043
Ich habe nach dem Wetter geschaut. Es gibt keins. Über dem Haus ist alles so grau- schwarz. Ein Nichts. Mein Garten ist verschwunden. Dort wabert jetzt Nebel.
Ich wollte ein Buch lesen. Aber die Bücher in meinem Regal verschwimmen. Ich kann sie nicht greifen. Ich habe keine Hände mehr.
Tag 1256
Die Tür verfolgt mich. Sie wird größer. Ich hatte wieder Herzrasen und mir wurde wieder so heiß. Ich bin in den Keller geflüchtet. Aber hinter der Kellertür ist auch nichts. Die Kellertreppe gibt es nicht mehr. Ich habe mich vorgebeugt um nachzusehen, worauf mein Haus steht. Es steht auf einer schlanken Säule aus Sand. Der Sand rieselt unaufhörlich in die Tiefe.
Mir ist aufgefallen, dass ich keine Füße mehr habe. Dann bin ich wieder gefallen. Die Panik erstickte an der Schwärze. Aufgewacht bin ich am Schreibtisch. Das Blatt Papier war noch da. Wo ist der Eintrag von gestern?
Tag ich-weiß-nicht-welcher
Die schwarze Tür läuft mir nach. Die Blitze greifen nach mir. Mein Herz schlägt wild und ich stürze aus dem Haus und falle in den Abgrund. Ich falle Ewigkeiten und schlage durch das Dach meines Hauses. Ich liege auf dem Teppich und schaue ins Bodenlose.
Tag wie-jeder-andere-auch
Die schwarze Tür jagt mich wieder. Ich weiß, dass ich durch sie hindurch muss, aber ich weiß, dass es weh tun wird. Jetzt habe ich keine Schmerzen. Aber hinter der Tür lauern sie auf mich: Alle Schmerzen der Welt. Ich will weg, aber mein Haus schwebt in einem Irgendwo im Nirgendwo. Und die Tür ist immer da.
Tag nach-dem-Tag-vorher-wie-der-Tag-nachher
Das Haus leert sich. Alles verschwindet. Ich kann mich kaum noch erinnern an das was war und an die, die ich war. Die schwarze Tür kommt immer näher. Sie ist einen Spalt offen, dahinter Licht. Ich habe mehr Angst als je zuvor.
Tag…
Heute hat mich die Tür berührt. Ich stand vor dem Fenster, das mir nur Nebel zeigte und versuchte gerade, darin etwas zu sehen, als mich die Tür sanft antippte. Die Blitze haben mich nicht erschreckt. Das helle Licht war angenehm und so beruhigend und füllte die Leere um mich herum mit Wärme. Ich muss nur hindurchgehen….. Aber ich bin noch nicht so weit. Ich weiß, hinter der Tür lauern Schmerzen und Erinnerungen.
Tag …..
Ich bin bereit. Heute gehe ich. Ich werde erwartet…..


