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Die Kunst der Diplomatie

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Geschrieben von: Caro
Sonntag, den 01. Februar 2009 um 21:05 Uhr

Die Kunst der Diplomatie

„Im Wald wirft man nichts weg. Heb‘ das bitte wieder auf!“

Tobi kam der Aufforderung nicht nach, sondern feixte stattdessen.

„Was grinst Du denn so? Hast Du nicht gehört, Du sollst das wieder aufheben!“ Heiko Gerlach schaute den fünfjährigen Steppke ärgerlich an.

Tobi grinste weiter.

„Tobi, das ist nicht komisch. Das ist jetzt ernst gemeint! Ich will, dass Du das aufhebst. Jetzt und sofort!“ Das klang nun gar nicht mehr lustig. Viel eher nach Ärger. Heiko war ein cooler Typ, fand Tobi. Bisher jedenfalls. Wieso der sich jetzt so aufregte, konnte er nicht verstehen. Dabei war er selbst nicht gerade ordentlich. In seiner Wohnung herrschte ein ziemliches Durcheinander.

„Das ist doch nicht so schlimm“, wagte Tobi zu widersprechen.

„Doch ist es“, kam es kurz und knapp zurück.

„Aber da vorne hab‘ ich auch was liegen sehen. Die anderen schmeißen auch ihr Zeug da hin.“

„Was andere machen interessiert nicht. Heb‘ das jetzt auf, Tobias.“

„Und guck mal da, die Bäume. Die liegen auch kreuz und quer herum.“ Tobi wies auf eine frisch gerodete Stelle. Dort lagen zahlreiche Baumstämme.

„Ja, das räumt der Förster später bestimmt noch auf“, meinte Heiko und ärgerte sich über die Ablenkung. „Jetzt hör‘ endlich auf, mir ständig irgendwelche Sachen zu erzählen und heb‘ das Papier auf!“

„Aber Mama ist dann auch nicht so böse.“

„Ich bin nicht böse, ich will nur, dass Du jetzt endlich das Papier aufhebst.“

„Das hat jetzt aber auf dem Boden gelegen.“

„Weil Du es hingeworfen hast.“

„Ich mag es jetzt aber nicht mehr aufheben. Der Boden ist doch nass und jetzt klebt da Dreck dran.“

„Das ist bloß Erde.“

„Dann wird aber meine Tasche ganz voll!“

Heiko holte tief Luft. Eigentlich erstaunlich, was der kleine Kerl so alles an Ausreden und Argumenten hervorkramte, um seinen Willen durchzusetzen. Ansonsten waren Tobis Taschen stets mit allerlei Krimskrams gefüllt. Von vermatschten Keksen bis zum Spielzeugauto war so ziemlich alles dabei. Sonst kümmerte es ihn herzhaft wenig, ob die Sachen klebrig oder matschig waren. Aber auf dieses Thema wollte sich Heiko jetzt nicht einlassen. Das würde zu weit führen. Er wollte endlich die Fahrt fortsetzen.

„Tobi, wie lange sollen wir jetzt noch hier stehen? Heb‘ das Papier auf und wir können weiter!“

Tobi verschränkte beide Arme vor der Brust und zog eine Schnute.

Heiko rollte mit den Augen, rang nach Fassung und Geduld. Wieso war Tobi nur so widerspenstig? Was war nur in den Jungen gefahren?!

„Tobi, bitte, wir wollen doch noch zum neuen Hochsitz. Du weißt doch, von dem ich Dir neulich erzählte.“

Tobis Miene hellte sich auf, doch dann nahm er gleich wieder die alte Position ein.

„Was ist denn? Du freust dich doch darauf oder?“

„Ja, schon...“

„Na siehst Du und warum machst Du jetzt so ein Theater?“

„Ich mache kein Theater. Ich will nur das dreckige Papier nicht aufheben.“

„Aber Tobi, Du hast es doch hingeworfen! Bitte, in den Wald wirft man keinen Abfall.“

„Aber der Förster passt doch auf. Das hat mir Mami erzählt. Und was meine Mami sagt, das stimmt.“

„Der Förster passt auf die Tiere, die Bäume und Pflanzen im Wald auf. Da hat deine Mami Recht. Aber er ist kein Müllmann, der den Dreck vom Boden aufsammelt.“

Tobi schien nichts mehr einzufallen.

„Komm, bitte, dann können wir gleich weiterfahren“, bat Heiko inständig. Er hoffte, dass der Junge nun ein Einsehen haben würde und es nicht weiter eskalierte. Diese Machtkämpfchen lagen Heiko nicht. Er hasste es zu Kindern streng zu sein.

„Ich will aber nicht.“

So ein Dickschädel. Bislang hatte Heiko diese sture und aufmüpfige Seite an Tobi noch nicht kennen gelernt. Er fühlte sich allmählich überfordert. Wieso hatte er heute bloß ja gesagt, als ihn seine überaus attraktive und charmante Nachbarin darum gebeten hatte, einen Nachmittag lang auf ihren Sohnemann aufzupassen? Er könnte jetzt gemütlich zu Hause in der warmen Stube in seinem Sessel bei einer Tasse Kaffee oder Tee sitzen und ein gutes Buch lesen. Stattdessen führte er hier im nasskalten Herbstwald mit einem kleinen aufmüpfigen Fünfjährigen Grundsatzdiskussionen. Heiko dachte darüber nach, wie er als Fünfjähriger reagiert hätte. Ganz gewiss nicht so aufsässig wie dieser kleine Kerl hier. Heiko hätte bestimmt kein Papier weggeworfen. Zumindest nicht in Anwesenheit eines Erwachsenen. Er überlegte, darüber hinwegzusehen und die Fahrt fortzusetzen. Das wäre am einfachsten.

Schafft es Heiko, Tobi zur Räson zu bringen oder gibt er klein bei? Die Fortsetzung der Geschichte kann im Buch „Himmlisch? Teuflisch? Menschlich!“ von Autorenkreis Semikolon nachgelesen werden, das auf einer unserer Lesungen oder direkt bei den Autorinnen erhältlich ist.