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Alles im Griff

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Geschrieben von: Caro
Sonntag, den 01. Februar 2009 um 20:00 Uhr

Alles im Griff

„Anneliese, komm und guck e ma“, verlangte Erich Neumann von seiner Frau. Sie wollte aber nicht und meinte nur: „Was is dann jetzt schon widder?“

„Jetzt komm halt“, meinte Erich energisch.

Etwas genervt kam Anneliese schließlich dem Wunsch ihres Mann nach und gesellte sich zu ihm ans Küchenfenster.

„Siehst du den aach?“, wollte Erich von ihr wissen.

„Ja nadierlisch seh ich den? Wieso aach net?“

„Ja und?“

„Was und?“

„Ja, des geht doch net!“, echauffierte sich Erich. „Wieso reagierst dann du so flegmadisch?“ Er wurde ärgerlich.

„Jetzt is halt gut“, meinte sie versöhnlich. „Ich seh den aach, aber was soll ich dann jetzt mache?“

„Halt dei Meinung äußern.“

„Un was bringt des dann?“

„Ei, des machste doch sonst ach!“

Anneliese schüttelte verständnislos mit dem Kopf und Erich winkte ab. „Bei der is Hopfe und Malz verlorn“, dachte er sich und setzte sich auf die Eckbank.

„Jetzt beruhisch disch doch.“

„Da kommt so en dunkelhaarische Stuwwelkopp daher, geht uff unser Grundstick und steckt mer was an die Scheib von meim Auto! Des is Hausfriedensbruch und ich ruf gleich die Polizei.“

„Erich, jetzt mach doch erst mal langsam. Was willste dann mit de Polizei? Der Mann is in unser Eifahrt gegange und hat was hinnern Scheibewischer geklemmt. Du weißt doch noch gar net, was uff dem Zettelsche steht.“

„Des interessiert mich aach net. Schließlich hab’ isch den net drum gebete.“

„Gut, ich geh’ jetzt und hol den Zettel. Des is bestimmt was harmloses.“ Ehe Erich etwas erwidern konnte, war sie schon zur Tür hinaus und auf dem Weg zum Auto. Dort hob sie den Scheibenwischer an und zog ein kleines Zettelchen hervor. Damit ging sie wieder zurück ins Haus.

„Sehr geehrte Autobesitzer, wir sind an Ihrem Fahrzeug interessiert. Wenn Sie den Wagen früher oder später zu hervorragenden Konditionen unkompliziert verkaufen wollen, dann rufen Sie uns bitte an. Wir kaufen gepflegte KFZ aller Fabrikate, KFZ mit technischen Defekten jeder Art, KFZ mit hoher Laufleistung, KFZ ohne TÜV und in jedem Zustand“, las sie flüssig vor. „Also“, stellte Anneliese fest, „des is ohne Fehler in tadellosem Deutsch geschribbe.“

„Na und“, brummelte Erich nur. Mit einem Mal stand er auf. „Geb mer mal den Zettel her!“

Bevor sie überhaupt reagieren konnte, hatte er ihr den Zettel aus der Hand genommen und ging damit zur Arbeitsplatte. Aus der Küchenschublade holte er ein Lineal und maß die Größe des Zettels. „Hm“, meinte er, „des Ding is in etwa sechs mal neun. Na ja, wenn mers genau nimmt fünfenhalb mal achtenhalb.“

„Ja und? Warum haste dann jetzt den Zettel ausgemesse?“ Verständnislos schaute Anneliese ihren Mann an.

„Ganz eifach. Wenn de Scheibewischer was weg hat oder die Scheib, dann gibts Ärjer.“

„Ach, was!“, meinte Anneliese. „Du spinnst. Jetzt geb Ruh und hör uff mit dem Kram.“ Sie nahm ihm den Zettel ab und warf ihn in die Altpapierbox, die in der Voratskammer gleich hinter der Tür stand.

„So“, sie rieb sich die Hände, „jetzt hat sich des erledicht. Mir verkaafe sowieso net unser Auto.“

Ein paar Tage später, Anneliese und Erich hatten den Vorfall längst vergessen, stand Erich wieder am Küchenfenster, beobachtete die Nachbarjungs beim Fußballspielen und grinste, als einer der Jungen ausrutschte und hinfiel.

„Dem Berthold sein Klaane hat’s gelescht. Der is genauso dabbisch wie sein Alte.“

„Erich, jetzt lass doch die Jungs in Ruh spiele. Haste nix anneres zu due wie dene nachzugucke?“

„Laß misch doch e ma. Muste mer dann jeden Spaß verderbe?“

„Is ja gut.“

Mit einem Mal schrie Erich auf: „Anneliese! Komm schnell her. Da is er widder!“

„Wer? ... Wo?“

Beide beobachteten einen südländischen Mann, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite Zettel an die Windschutzscheibe der Autos klemmte.

„Wenn der…“, zischte Erich erregt und voller Erwartung.

„Erich“, rief Anneliese noch, doch der hatte bereits das Küchenfenster geöffnet und schrie in dem Moment, als der Mann in die Einfahrt auf sein Auto zuging. „Finger weg von meim Auto! Was suche Sie überhaupt auf meim Grundstück? Hab ich Ihne des vielleicht erlaubt?“

 

Was Erich noch so alles auf Lager hat ist nachzulesen im Buch von Autorenkreis Semikolon „Himmlisch? Teuflisch? Menschlich!“. Erhältlich ist das Buch während unserer Lesungen oder bei einer der Autorinnen.