Prinzenrolle
Prinzenrolle
Alexander rückte seine Krawatte zurecht, strich sich langsam und sorgfältig über die glatten, dunkelbraunen Haare und erhob sich bedächtig. Während er so dastand, die Hände gespreizt auf den Tisch gestützt, schaute er betont gelassen in die Runde. Er kostete es aus, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren.
»Wir sind heute«, begann er etwas stockend, räusperte sich, nahm das Glas Wasser, das vor ihm auf dem Tisch stand und trank ein paar Schlucke. Er war aufregt. Es war ein großer Tag für ihn.
»Wir sind heute«, begann er erneut, »in Vaters Stammlokal zusammengekommen, um Abschied zu nehmen und einem großartigen Menschen zu gedenken.«
Seine Schwester Angela, die ihm schräg gegenüber saß, schaute zur Seite und rollte genervt mit den Augen. Alexander nahm es sehr wohl zu Kenntnis, und es ärgerte ihn. Er würde sich dadurch aber nicht aus dem Konzept bringen lassen, nahm er sich vor.
»Von einem großartigen und einzigartigen Menschen Abschied zu nehmen -«, weiter kam er nicht, weil Angela abrupt aufstand, dabei fast den Tisch umwarf und sich aufregte: »Jetzt mach aber mal 'nen Punkt, Alexander.«
»Das könnte ich auch von Dir sagen, liebe Schwester«, antwortete er in ruhigem Ton, was sie aber nur noch mehr in Rage brachte. Diesen lehrmeisterhaften Zug hasste sie an ihm ganz besonders. »Jetzt zieh' doch hier nicht so eine Show ab. So ein Geschwätz! Ich glaub' das alles nicht.«
»Komm mal wieder runter, Angela und setz Dich wieder hin bis ich fertig bin. Oder hast Du mit einem Mal Deine gute Erziehung vergessen...«
Angela holte mehrmals tief Luft, setzte sich aber nach ein paar Minuten doch wieder auf ihren Stuhl. Sie kniff die Lippen zusammen, es war ihr deutlich anzusehen, dass sie sehr aufgebracht war und sich nur mit Mühe unter Kontrolle halten konnte.
Ihre jüngere Schwester Susanne streichelte sanft ihren Arm. Das half Angela gelassener zu werden. Sie nickte Susanne dankbar zu. Angelas Blick wanderte zu ihrer Oma, die ein paar Stühle weiter auf Alexanders Seite saß. Oma Grete spielte mit der Serviette. Sie legte sie sorgfältig zusammen, faltete sie anschließend wieder auseinander, um sie danach erneut auf eine andere Art und Weise zusammenzulegen und liebevoll glattzustreichen. Dabei lächelte sie zufrieden und glücklich. Es machte ihr offenbar Spaß. Dennoch schien sie irgendwie nicht bei der Sache zu sein, was Angela aber nicht weiter verwunderte, denn Oma Grete, die eigentlich Margarethe hieß, kriegte schon seit geraumer Zeit nicht mehr viel mit.
»Ich glaube, ich spreche für uns alle – und damit meine ich meine lieben Schwestern«, Alexander lächelte freundlich, was ihm von Angela jedoch nur wieder einen finsteren Blick einbrachte und fuhr fort: »wenn ich sage, dass Vater immer in uns weiterleben wird und wir ihn nie vergessen. Ich werde nun sein Lebenswerk in seinem Sinne weiterführen, so wie er das von mir erwartet und mich darauf sorgfältig und gewissenhaft vorbereitet hat.«
Alexander wandte sich nach rechts und schaute Antje, seiner Frau, in die Augen. Sie himmelte ihn an und nickte ihm aufmunternd zu. Während er sich den anderen zuwandte, fuhr er fort: »Viel zu früh musste er von uns gehen, aber das Leben ist nunmal so. Hart und unbeugsam.«
»Wie lange hast Du denn an Deiner verkorksten Ansprache geübt? Seit wie vielen Wochen studierst Du sie denn schon ein?!« Angela war mit ihrem Stuhl ein Stück nach hinten gerückt und hatte ihre Beine übereinander geschlagen. Abwartend schaute sie zu Alexander.
»Was soll das Angela? Wieso unterbrichst Du mich ständig? Noch dazu auf so eine infame und gemeine Art und Weise.«
Bevor Angela zu einer Entgegnung ansetzen konnte, hatte sich Ursula Euler erhoben und die beiden durch ein Handzeichen unterbrochen.
»Es reicht ihr beiden. Könnt ihr nicht mal heute Eure Streitigkeiten beiseite lassen? Angela, Du lässt Alexander bitte ausreden«, wies sie ihre Erstgeborene zurecht. Alexander warf seiner Schwester einen triumphierenden Blick zu, wurde von seiner Mutter jedoch gleich gestoppt: »Und Du Alexander bist jetzt so gut und kommst mal auf den Punkt.«
»Ja... äh... natürlich!« Alexander war nun doch aus dem Konzept gebracht. Er schaute hilfesuchend zu Antje, die ihre Schwägerin Angela abschätzend anschaute.
»Schon heute Morgen war mir klar, dass dieser Tag viel versprechend werden würde«, meinte Heiko grinsend.
»Ach ja, dann verfügst Du offenbar über hellseherische Fähigkeiten«, gab Alexander schnippisch zur Antwort. Er konnte die lockere und unbekümmerte Art seines Cousins nicht leiden. Als Heiko dann noch seiner Frau freundlich zulächelte, die dies erwiderte, trat er ihr ans Bein und schaute sie verärgert an.
Sein Cousin Heiko hatte schon immer Erfolg bei den Frauen. Er sah gut aus, hatte eine liebenswerte Art und charismatische Ausstrahlung, die ihn sehr symphatisch machte. Heiko verfügte aber auch über eine sehr gute Beobachtungsgabe und ein gutes Einfühlungsvermögen. Damit punktete er besonders bei den Frauen, worauf Alexander ausgesprochen neidisch war.
»Mensch Alex, mach Dich locker. Entspann‘ Dich.« Heiko traf mal wieder mitten ins Schwarze. Doch das hätte Alexander nie und nimmer zugegeben.
»Ich bin völlig locker und relaxt, so locker wie man auf der Beerdigung seines Vaters nur sein kann«, meinte Alexander spitz.
»Oooocccchhh, eine Runde Mitleid für unseren kleinen Bruder«, spottete Angela, die sich sehr gut mit Heiko verstand.
Mit einem Mal erhob sich Ursula Euler und lief zu den Toiletten. Sie schluchzte und tupfte sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht.
»Das hast Du nun davon«, zischte Alexander seiner Schwester zu und wollte seiner Mutter hinterherlaufen. Als ihm bewusst wurde, dass er schlecht mit in die Damentoilette gehen konnte, setzte er sich wieder.
»Ich weiß ja«, mischte sich nun auch Stefanie, die jüngste der drei Schwestern, ein, »dass Du Deinen Auftritt heute und hier genießt, aber könntest Du bitte auch mal Rücksicht auf Mutter nehmen?«
»Was mache ich denn? Wieso hackt ihr wieder alle auf mir herum?«, empörte sich Alexander.
»Es ist doch immer wieder dasselbe«, gab nun Tante Elisabeth ebenfalls ihren Senf dazu. »Lasst Eure Mutter doch auch einmal zur Ruhe kommen und nehmt Euch nicht alle so furchtbar wichtig!« Sie nahm ihrer Mutter die Serviette aus der Hand und schimpfte genervt: »Mutter, nun lass endlich die Serviette liegen und hör auf, laufend damit herumzuspielen!«
Beleidigt stand Oma Grete auf und schrie, so dass es jeder im Lokal deutlich hören konnte: »Gib mir sofort die Serviette zurück. Das ist meine, nehm' gefälligst Deine eigene.«
Bevor sie noch mehr Aufsehen erregen würden, gab Elisabeth ihrer Mutter eiligst die Serviette, erhob sich wortlos und ging zur Damentoilette. Nachdenklich blieben die anderen zurück.
Ursula stand vor dem Waschbecken und schaute in den Spiegel. Sie schminkte sich, denn die Tränen hatten ihr Make-up so ziemlich aufgelöst.
»Kaum zu glauben, wie sich Dein jüngster mit einem Mal mausert. Walter hatte ihn immer an der Kandare. Bisher hat Alexander doch nur gemacht, was Walter abgenickt hatte. Erstaunlich wie er heute auftritt.«
»Ja«, stimmte ihr Ursula zu, »erstaunlich und erschreckend. Ich kenne den Jungen nicht wieder. Es scheint, als käme ihm Walters Tod nicht ungelegen.«
Beide schwiegen.
»Um ehrlich zu sein«, fuhr Ursula fort, »kann ich ihm das nicht einmal verdenken. Der Junge hat viel einstecken müssen.«
»Das sagt genau die richtige -«
»Ja, ich weiß. Wir hatten alle kein leichtes Leben mit Walter.«
»Ich glaube, ich werde nie vergessen«, erinnerte sich Elisabeth, »wie er Dich immer wieder bedrängt hat noch ein Kind und dann noch eins zu bekommen. Als hätten zwei nicht auch gereicht. Aber nein, es musste ja so lange gehen bis er endlich seinen Kronprinzen hatte. – Du tatest mir leid...«
Ursula lächelte. »Ja, ein Sohn war ihm sehr wichtig.«
»Ich habe nie verstanden, wie Du es so lange bei ihm ausgehalten hast.«
»Was hätte ich denn tun sollen? Die Kinder im Stich lassen? Walter hätte nie zugelassen, dass ich sie mitnehme. Außerdem hätte ich es alleine nicht mit vier Kindern geschafft. So bin ich bei ihm geblieben. Er hatte schließlich auch gute Seiten.«
Als Elisabeth weitersprechen wollte, nahm Ursula sie am Arm: »Komm, Lisbetchen, lass uns wieder zu den anderen gehen. Es ist ja nun vorüber. Walter hat intensiv gelebt, nun sind wir an der Reihe.«
Verwundert sah Elisabeth ihre Schwester an. Mit diesem Ausspruch wusste sie nichts anzufangen. Beide gingen zurück, um sich wieder auf ihre Plätze zu setzen.
»Mutter«, Alexander kam gleich auf sie zu, »geht es Dir wieder besser? Bitte entschuldige...«
Nun kam auch Angela zu ihr und schaute betroffen drein.
»Ist schon gut«, meinte Ursula zu den beiden und tätschelte sie am Arm. »Setzen wir uns. Alexander, am besten redest Du jetzt weiter. Du hast uns doch etwas zu sagen.«
»In Ordnung, wenn Du willst - gerne.« Wieder griff er sich an die Krawatte und rückte sie zurecht.
»Nun fang endlich an«, konnte sich Susanne nicht verkneifen zu sagen. Ihr ging sein Gehabe auf die Nerven. Alexander kommentierte dies nur mit einem ärgerlichen Blick.
»Vater und ich haben bereits festgelegt wie es weitergehen soll.« Zu seiner Mutter gewandt erklärte er: »Mutter, Du hast bisher sehr wertvolle Arbeit für die Firma geleistet. Vater wünschte, dass Du dies fortsetzt. Womit ich«, beeilte er sich zu sagen, »absolut konform gehe. Außerdem werden Antje und ich uns um Dich kümmern, damit Dir die Zeit nach Vaters Dahinscheiden nicht zu schmerzlich wird. Vater wünschte, dass wir zu Dir ins Haus ziehen. Du hast dort natürlich ein lebenslanges Wohn- und Nutznießrecht. Dies hat Vater mit unserem Anwalt Dr. Specht besprochen und schriftlich festgelegt. Ich will aber nicht zuviel vorwegnehmen. Das wird uns Dr. Specht bei der Testamentseröffnung alles selbst sagen. Mir hat Vater wie schon erwähnt die vollständige Firmenleitung übertragen. Mutter, im Grunde genommen ändert sich für Dich nicht viel. Außer dass wir zusammen unter einem Dach wohnen werden. Der Umzug wird schon sehr bald vonstatten gehen. Ich habe bereits alles vorbereitet.«
»Toll, da hast Du Dir ja alles schön unter den Nagel gerissen, lieber Herr Bruder. Hast Du eigentlich nur an Dich gedacht, schließlich gibt es uns – Deine lieben Schwestern – auch noch?!« Am liebsten wäre Angela auf der Stelle gegangen, so sehr widerte sie diese hinterlistige und scheinheilige Art an. Sie wollte ihrem Bruder und vor allem dessen Frau jedoch nicht die Genugtuung geben und blieb.
»Ich sagte doch eben schon, dass ich Dr. Specht nichts vorwegnehmen möchte.«
»Eigentlich hatte ich heute nicht vor darüber zu sprechen, doch da wir nun schon einmal dabei sind...«, meldete sich Ursula Euler zu Wort und schaute nur kurz zu ihrem Sohn. »Vorweg aber noch etwas zur Erklärung: Mein bisheriges Leben bestand aus viel Arbeit und vielen Entbehrungen. Ich habe es in erster Linie für Euch getan«, erklärte sie zu ihren Kindern gewandt. »Wir wissen alle, dass es mit Eurem Vater nicht immer einfach war. Er traf so manche Entscheidung, die ich zwar mitgetragen, aber dennoch nicht gutgeheißen habe. Aber das gehört nun der Vergangenheit an. Schauen wir stattdessen in die Zukunft. In den letzten Tagen vor seinem Tod hatte ich intensive Gespräche mit Eurem Vater. Er entschloss sich zu einigen Änderungen. Details wird Dr. Specht uns bei der Testamentseröffnung mitteilen. Ich will es kurz machen. – Alexander, den Umzug musst Du abblasen. Das Haus ist bereits verkauft, die Firma ebenfalls. Ich habe mich dazu entschlossen, mir eine Finka in Spanien zu kaufen.« Alle schauten irritiert. Sie waren erstaunt, teilweise geschockt und erkannten ihre Mutter nicht wieder. Sie, die sonst so ruhig und scheinbar teilnahmslos, sehr oft aber auch unbeholfen und weltfremd wirkte. Das schien mit einem Mal völlig anders zu sein.
»Ich möchte dort in Zukunft leben. Und versucht nicht, mich davon abzubringen«, fügte sie hinzu, »mein Entschluss steht fest. Euer Vater konnte die Spanier nicht leiden und ist stattdessen lieber an die Nordsee gefahren, wo wir so manchen verregneten Urlaub verbrachten. Mein Traum war immer ein Haus in Spanien. Diesen Traum werde ich mir erfüllen. Ich will mein Leben künftig genießen.«
Alexander guckte sie entgeistert mit weit aufgerissenen Augen an. »Mutter, Du kannst mir doch nicht...«
»Beruhige Dich, Alexander. An Dich ist gedacht. Du hast selbstverständlich einen Posten in der Geschäftsführung der neuen Firma und wirst dafür gut bezahlt. Das habe ich mit den neuen Eigentümern bereits ausgehandelt. Details kannst Du mit ihren direkt besprechen. Natürlich wird auch an Euch gedacht, Angela, Susanne und Stefanie. Aber das regelt Dr. Specht.«
Sie schauten betroffen, hatten noch nicht realisiert, was ihre Mutter ihnen soeben mitgeteilt hatte. Nur Heiko schien zu begreifen: „Tja, Alex. Wer gackert muss auch Eier legen. Dumm gelaufen.“
Angela, Susanne und Stefanie schmunzelten. Alexander verkniff sich jeglichen Kommentar und schmollte stattdessen. Elisabeth war mit ihrer Schwester sehr zufrieden. Endlich tat sie das, was sie schon viel früher hätte tun sollen.
Das letzte Wort ergriff Oma Grete in einem ihrer hellen Momente: »Ursel, das hast Du richtig gemacht.« Dabei lächelte sie ihre Tochter liebevoll an, die ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückte.
Januar 2009


