logo

Das Ende der Welt / Textauszug I

PDF
Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Brigitte
Freitag, den 13. März 2009 um 16:38 Uhr

[...]
„Komm in den Wagen und kühl dich ab. Besser, wenn ich jetzt fahre.“ Andrew klopfte Sergio aufmunternd auf die Schulter. „Lass den Kopf nicht hängen mein Freund. Das ist doch kein Weltuntergang!“
Sergio sagte keinen Ton und stieg ins Auto. Die Muskeln in seinem Gesicht zuckten im stillen Kampf, um Selbstbeherrschung. Es war ratsam ihn in Ruhe zu lassen. Nicht mehr davon zu sprechen. Ein neues Thema zu finden. Nach einigen Minuten gab Sergio ein resigniertes Brummen von sich.
„Kein Weltuntergang.“
„Nein, kein Weltuntergang.“ Das war es. Spannendes neues Thema! „Glaubst du, das er bald kommt?“
„Wer?“
„Der Weltuntergang! Das Millennium bringt den Untergang, sagen viele...“
„Aber das haben wir doch hinter uns!“
„Es gibt Leute, die sagen, das war nur ein Rechenfehler. Das echte Millennium kommt noch.“
„Ist doch alles Quatsch!“
„Kann sein Sergio, aber was, wenn nicht? Wie stellst du es dir vor?“
„Na ja, das alles zu Ende ist.“
„Das ist zu ungenau. Definiere das Wort Ende.“
„Tod. Verwüstung, kein Leben mehr.“
„Schon klar. Aber, wie stellst du dir das vor? Eher Naturwissenschaftlich: Naturkatastrophe - Erde explodiert, Meteor schlägt ein, löscht alles Leben aus oder religiös: Armageddon - apokalyptische Reiter, jüngstes Gericht und Ende der Menschheit?“
„Du stellst vielleicht Fragen, keine Ahnung! Was spielt das für eine Rolle?“
„Na eine große natürlich!“
„Wieso, der Effekt ist doch der gleiche. Schluss mit lustig, Schluss mit uns.“
„Eben nicht! Die große Frage dahinter ist doch: was kommt danach? Kommt etwas danach? Beim wissenschaftlichen Ansatz ist die Antwort: nichts kommt mehr, bzw. wir lösen uns auf in atomare Teilchen und existieren bestenfalls auf dieser Ebene weiter. So wie wir begonnen haben, als Sternenstaub. Das jüngste Gericht aber, lässt uns den Himmel oder die Hölle erreichen.“
„Sag mal, hast du irgendwelche verbotenen Substanzen eingenommen? Oder zu viel Sonne auf den Kopf gekriegt?“
Andrew ging nicht darauf ein.
„Wenn nur der in den Himmel kommt, der sich an religiöse Gesetze hielt und an den Himmel glaubte und der, der die Gesetze brach in die Hölle kommt, was ist dann mit denen, die nicht geglaubt haben? Kommt nur der in die Hölle, der vorher an ihre Existenz glaubte? Für mich logisch: Himmel für die, die dran glauben, also auch Hölle nur für die, die dran glauben. Wohin mit denen, die nicht geglaubt haben?“
„Ich weiß nicht, ob dieser Umkehrschluss zulässig ist. Müssen die Ungläubigen nicht alle in die Hölle?“
Sanft bremste Andrew den Wagen an der Ampel ab, ehe er weiter sprach. „Theoretisch ja. Vom Standpunkt der Kirche aus. Was ist mit denen, die nicht glaubten, aber sich dennoch an die Gebote gehalten haben, dürfen die in den Himmel?“
„Schwierig.“
„Also, für mich ist klar: wenn die nicht rein dürfen, dann darf auch nur der in die Hölle, der wissentlich und glaubend die Gebote missachtet hat.“
„Wir werden es erfahren, wenn das Ende der Welt tatsächlich kommt.“
„Nächste Frage.“ Andrew gab wieder Gas und beschleunigte nun auf dem Highway.
„Was noch eine?“
„Hast du gedacht ich bin schon fertig? Wie stellst du dir das Ende der Welt vor?“
„Das hatten wir doch gerade.“
„Nein! Wir hatten Ende, jetzt definiere Welt!“
„Das ist nicht dein Ernst!“
„Aber mein vollster!“
„Und wieso ist das jetzt wieder wichtig?“
„Aus dem gleichen Grund, wie vorhin. Es klärt, ob dein Ansatz wissenschaftlich oder religiös ist. Ist die Welt für dich nur dein zu Hause, also unsere Erde? Oder viel mehr; nämlich unser Sonnensystem, unsere Galaxie, unser Universum und alle anderen Universen, die es vielleicht noch gibt.“
„Zuerst mal nur die Erde?“, schlug Sergio zaghaft vor.
„Gut, das spricht dann wieder für den religiösen Ansatz. Nur dieser Planet wird ausgelöscht. Könnte eine Strafe des übergeordneten Gottes sein, für fortgesetztes Fehlverhalten unserer Spezies. Damit sind wir prinzipiell wieder bei Armageddon.“
Das lief wieder auf Himmel und Hölle hinaus, was Sergio nicht behagte.
„Die andere Lösung?“
„Na, denk doch mal nach. Welche Frage stellt sich automatisch, wenn wirklich alles vernichtet wird?“
„Alles, also auch das Universum hinter dem Universum, hinter dem Universum und so weiter?“
„Ja.“
„Alles komplett vernichtet.“
„Ja.“
„Geht das überhaupt? Ich meine, wo ist das Ende? Wenn man das letzte Universum erreicht hat, was ist dahinter? Gibt es da noch einen Raum, in dem sich all diese Universen befinden und bewegen und wenn ja, hat der auch eine Begrenzung und wenn ja, hat der auch eine... Das führt doch nie zu einem Ende, dieser Gedanke!“
„Genau! Das meine ich! Wir sind nicht in der Lage, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Das übersteigt unsere Vorstellungskraft. Was wir noch fähig sind zu denken ist, dass sich unser bekanntes Universum oder auch noch ein paar andere auflösen, indem sie implodieren. Sie ballen sich zusammen, verdichten sich und irgendwann kommt der nächste große Knall und es geht von vorne los. Das löst aber nicht das Problem, wo sich das alles abspielt oder wie lange das schon so geht und wie lange noch. Und am allerwenigsten die Frage, wozu?“
„Schön. Jetzt hast du es geschafft, mich vollständig von dieser Welt zu lösen und mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Das einzige was klar ist, ist doch: wir haben keine Ahnung.“
„Richtig! Wissenschaftlich gesehen haben wir keine Ahnung, nur die vage Vermutung, dass es auf jeden Fall weitergeht. Nur eben nicht in der Existenz als Mensch, sondern als Teil des großen Ganzen, das sich - wo und warum auch immer - auflöst und wieder neu entsteht. Religiös betrachtet, haben wir die Option auf eine Existenz in einer anderen Dimension und auf einen Sinn. Was uns nicht den Blick für die Frage verstellen sollte, wo und in welcher Dimension Gott eigentlich existiert. In welchem Raum bewegt er sich und seit wann. Was kommt hinter seinem Universum und was war davor oder kommt danach und wo kommt er eigentlich her und zu welchem Zweck...“
„Hör auf! Es könnte sonst geschehen, dass als Allererstes, hier und jetzt, mein Schädel explodiert oder implodiert? Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht existieren wir auch gar nicht wirklich, sondern sind nur Produkt unserer eigenen Gedanken und erschaffen uns unsere Welt so selbst. Hast du Matrix gesehen? Dann ist nichts real, außer unseren Gedanken und uns kann gar nichts passieren, weil nämlich gar nichts wirklich passiert. Würde das nicht bedeuten, dass wir alle Gott sind? Oder vielleicht bin dann ich allein Gott. Wenn das so wäre, wärest du ein Produkt meiner Gedanken, also folglich nicht existent und ich allein bestimmte den Lauf der Welt.“
„Das ist Blasphemie! Außerdem würde die Welt, deren Lauf du bestimmst, ja nicht existieren.“
„Doch. In meinen Gedanken. Und nach dieser Theorie sind meine Gedanken das einzig reale.“ Sergio erwärmte sich zusehends für dies Annahme. Er könnte auf einen Schlag alle Probleme lösen, nur weil er die Lösung dachte.
„Das eröffnet wieder die Option, dass wir alle die Gedanken eines Einzigen sind. Was uns zurück führt, zum übergeordneten Gott, dessen Gedanken wir dann wären.“
„Du willst also nicht, dass ich mein eigener Gott bin?“
„Es ist nur eine andere Möglichkeit. Und trotzdem drehen wir uns im Kreis.“
„Wieso?
„Egal, ob wir jeder unser eigener, ich nenne es mal lieber Schöpfer, sind oder ob es nur Einen gibt; die großen Fragen des Wo, Wann und Warum bleiben offen.“
„Du hast recht“, murrte Sergio. „Und was hat uns dieses Gespräch jetzt gebracht, außer Verwirrung und der Erkenntnis, dass wir nichts wissen?“
„Wir haben für einen Augenblick unseren Horizont ins Unendliche erweitert und erkannt, dass das Leben um uns herum ein Wunder ist, das wir nicht verstehen und dessen Endlich- oder Unendlichkeit wir nicht überblicken können. Umso wichtiger ist es, das was wir haben, zu genießen und zu leben! Zu staunen über die Mysterien, die uns umgeben, und ausgehend von dem Verdacht, das wir alle dieses Leben nur einmal führen, es so angenehm wie möglich für alle zu gestalten.“
„Guter Schluss! Du hättest Prediger werden sollen. Machen wir es uns jetzt angenehm? Ich habe nämlich Hunger!“
[...]

Auszug aus dem Roman "Es ist noch nicht vorbei. P.S.: Wir jagen die Mafia"
erschienen im März 2009 bei Books on Demand (www.bod.de)
ISBN-Nr.: 9783837021950 
erhältlich über den BoD-Buchshop, direkt bei der Autorin und bestellbar in jeder Buchhandlung zum Preis von 13,90 €

Aktualisiert ( Freitag, den 13. März 2009 um 16:40 Uhr )