Löwenherz
Löwenherz
»Wir hätten doch fragen sollen.« Richard erwidert nichts. »Vorhin, in dem Dorf, da waren Leute auf der Straße, die hätten wir fragen können, aber du wolltest ja nicht.«
Mein Hinweis ist überflüssig und bringt uns nicht weiter. Nichts bringt uns weiter. Wir sitzen fest. Auf Höhe der Kirche, hatte er meinen Vorschlag grob beiseite gefegt. Sein Bruder habe ihm den Weg genau erklärt. Idiotensicher, da könne nichts schief gehen.
»Aber auf dem Schild stand …«
»Willst du fahren, oder was? Nicht jeder muss alles fünfhundert Mal überprüfen. Du und dein weiblicher Kontrollzwang. Fragen! Ich mach mich doch nicht lächerlich. Es kann nicht mehr weit sein. Eine halbe Stunde höchstens bei gutem Wetter; bei dem Schneetreiben vielleicht ein bisschen länger.«
Das Ortsschild verschwand hinter uns, und Richard trat aufs Gas. Der Wagen schlingerte leicht, und ich sog die Luft durch die Zähne.
»Was ist jetzt schon wieder? Ich hab alles im Griff. Oder willst du doch ans Steuer? Bei Glatteis fährst du besonders gern, wenn ich mich recht erinnere.«
Das war der Moment, als das Schweigen begann und er das Radio ausschaltete. An der Art, wie er den Unterkiefer nach vorn schob und die Zähne aufeinander biss, konnte ich erkennen, dass auch ihm das Wetter zu schaffen machte. Zugegeben hätte er das niemals.
Die Straße verengte sich weiter, nachdem er noch einmal abgebogen war. Die Schneeverwehungen links und rechts wurden höher, die Fahrbahn war kaum noch zu erkennen. Keine Reifenspuren vor uns, kein Gegenverkehr. Kein Baum, kein Strauch, nur endlose weiß-graue Flächen, die sich im schwächer werdenden Licht bis an den Horizont ausdehnten. Der Übergang von Himmel und Erde zerfloss in milchiger Unschärfe, und mein Sichtfeld verkleinerte sich schnell. Die tanzenden Flockenwirbel verdichteten sich im Scheinwerferlicht, der Scheibenwischer kämpfte auf höchster Stufe, und meine Lider wurden schwer. Im Auto war es warm. Und sicher. Bis zu diesem unangenehm harten Ruck, der mich in den Gurt katapultierte. Vor zehn Minuten.
Richard fluchte und legte krachend den Rückwärtsgang ein. Die Räder drehten durch, und Schnee spritzte in alle Richtungen. Egal wie oft er den Motor aufheulen ließ. Verbissen starrte er durch die Scheibe, aber er redete nicht mit mir. Weiter sind wir seitdem nicht gekommen. Es ist erst halb fünf und schon fast dunkel.
»Soll ich vielleicht …«
»Ich sag dir schon, wenn du irgendwas sollst. Alles im Griff. Gleich erledigt.«
Dann eben nicht. Ich schließe die Augen. Er quält das Getriebe weitere fünf Minuten lang.
»Ich werde den Wagen rausschieben. Setz du dich ans Steuer. Rückwärtsgang und Gas geben auf mein Zeichen.«
Eine kalte Bö schlägt durch die Tür, und ich zieh die Knie zur Brust, um über den Schaltknüppel zu klettern. Richard stemmt sich gegen die Motorhaube, kneift die Augen zusammen, eisiger Wind schneidet in sein Gesicht, und er gibt mir das Zeichen. Heulen, Spritzen, Stillstand. »Stopp!« Dann das Gleiche noch mal und noch mal. Nach dem fünften Versuch ist er nass genug, um aufzugeben. Hastig und wortlos räume ich den Platz, als er fluchend die Tür öffnet. »Was ist?«, blafft er mich an. »Sag es doch endlich, dass ich daran schuld bin!«
»Aber ich …«
»Ich war müde und habe nicht aufgepasst. Okay? Ist es das, was du hören willst?«
»Aber …«
»Falls du es vergessen hast, ich habe gestern die ganze Nacht durchgearbeitet, damit wir überhaupt zu dieser Sylvesterparty fahren können. Deinetwegen. Weil du unbedingt das neue Haus meines Bruders sehen willst. Mir ist diese Scheißparty sowieso egal!«
»Du solltest dir eine trockene Hose anziehen, Richard. Wer weiß, wie lange wir noch festsitzen.« Pragmatischer Themenwechsel, schon wieder ein Fehlgriff.
»Wer weiß, wie lange wir noch festsitzen!«, äfft er mich nach. »Gar nicht lange, und ich brauche auch keine andere Hose, weil ich nämlich jetzt loslaufe und uns einen Abschleppwagen organisiere.«
Wie heldenhaft. Soll ich jetzt auf die Knie fallen und ihm danken?
»Tolle Idee. Und wohin gehst du? Zurück, eine dreiviertel Autostunde, oder immer geradeaus? Du weißt ja nicht mal, wo wir sind! Weil du dir zu fein warst zu fragen.«
»Ich weiß sehr wohl, wo wir sind!«
»Ach ja?« Ich lehne mich zurück und klatsche in die Hände, dabei ziehe ich ein Gesicht, wie ein Kind vor der Geburtstagstorte. »Ist ja wunderbar! Dann los, hatte ich glatt vergessen, das Haus muss ja gleich um die Ecke sein, nicht wahr? Ruf mich einfach, wenn du es gefunden hast. Ich kann dich bestimmt von hier aus hören!«
Sein Blick drückt mir die Kehle zu. Er hat recht, wir hätten gar nicht erst losfahren sollen.
»Gib mir die Karte«, knurrt er.
»Welche Karte?«
»Gib schon her, du hast die Straßenkarte doch unter dem Sitz.«
»Nein, habe ich nicht.«
»Du hast mir damit unter der Nase herumgefuchtelt und gesagt: ›Die packe ich besser ein, damit wir den Weg auch finden.‹«
»Richtig. Und du hast gesagt: ›Wenn du mir nicht mal mehr das zutraust, wieso fahren wir dann überhaupt?‹, also habe ich sie zu Hause gelassen.«
Mit beiden Fäusten schlägt er auf das Lenkrad.
»Super! Das hast du ja großartig hingekriegt!«
»Ich?«
»Wenn man sich einmal auf dich verlässt.«
»Aber du …«
»Du hast die Karte immer dabei. Immer! Kann ich doch nicht ahnen, dass du sie ausgerechnet heute wirklich nicht einpackst. Bescheuert, wo wir die Strecke noch nie gefahren sind!«
»Jetzt reicht’s mir aber! Du arroganter Mistkerl! Und ich hab noch gezögert mit der Wohnung…«
»Was für eine Wohnung?« ...
Die Geschichte ist in voller Länge Nachzulesen in der Anthologie: "Winter. Das perfekte Lesebuch für kalte Tage", erschienen 2008 im Lerato-Verlag, Herausgeber: Jan-Eike Hornauer
nähere Informationen unter:
www.lerato-verlag.de
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