Fledermäuse
Fledermäuse
Wäsche waschen ist meine große Leidenschaft. Verrückt. Zugegeben. Das war auch nicht immer so. Aber manchmal ändern sich Dinge. Und manchmal passieren verrückte Sachen.
Dienstag, halb zwei. Ich glaube, ich ersticke. Das Rollo ist kaputt, die Schnur hängt nutzlos herunter. Die Sonne brennt durchs Fenster auf meinen Schreibtisch, der kalte Kaffee vom Frühstück kommt zielsicher wieder auf Trinktemperatur und meine Topfpflanze wirft kapitulierend das letzte kraftlose Blatt von sich. Unmöglich, sich zu konzentrieren, unmöglich, auch nur zu sitzen, ohne in Schweiß zu geraten. In der Ecke müffelt anklagend ein Berg aus T-Shirts, Socken und Unterhosen vor sich hin. Um wenigstens etwas Produktives zuwege zu bringen, stopfe ich die unappetitliche Fracht in eine große Tasche, klemme ein Paket Waschpulver unter den Arm und schleppe mich ins Untergeschoß. Das bietet uns Studenten den Luxus einer Waschmaschine und eines Trockenraums, daneben noch eine Art Metallkäfig pro Nase, in dem man alles Mögliche lagern kann. Erstaunlich angenehme Temperaturen empfangen mich. Ohne lange zu überlegen, schiebe ich die ganze Ladung auf einmal in die Maschine. Auf den Leinen hängt bunt gemischt alles durcheinander. Diskretion Fehlanzeige. Wer hier seine Klamotten wäscht und aufhängt, muss damit leben, dass jeder sehen kann, ob die Socken Löcher und die Unterhosen Herzchen haben. Ist mir völlig egal.
War. Bis heute.
Denn als ich jetzt den Blick über die Leine schweifen lasse, öffnet sich die Tür. Flo kommt rein. Nicht, dass das prinzipiell etwas Besonderes ist, wir kennen uns vom Sehen, haben schon mal drei Worte gewechselt, möglicherweise auch schon zusammen einen getrunken. Flo ist kein Hingucker. Aber immerhin ein Mann. Darum ist es jetzt komisch, plötzlich mit ihm allein zu sein. Hier unten, zwischen all den Unterhosen.
Seine blonden Haare kleben ihm auf der Stirn, unter den Achseln zeigen sich weiße, angetrocknete Salzränder, die bis fast an die Hüften hinunter reichen.
„Dreckswetter“, mault er zur Begrüßung, schmeißt seinen Stapel neben die Maschine. „Wie lange läuft die schon?“
„Gerade erst angeschaltet.“
„Scheiße.“ In der Ecke steht ein einzelner Stuhl. Wieso, weiß ich auch nicht. Aber der steht immer da. Flo zieht ihn mitten in den Durchgang, plumpst darauf und streckt die Beine von sich. „Wenigstens kühl hier.“ Er fährt sich mit beiden Händen über den Kopf, so dass ihm die feuchten Haare wild zu Berge stehen. Eigentlich habe ich nichts mehr zu tun. Unschlüssig stehe ich mit meiner Waschmittelpackung herum. „Ist es bei dir auch so sauheiß im Zimmer?“ Ich nicke nur blöd und stehe weiter da. „Bei mir unterm Dach kocht’s dir die Birne weich. Ich freu mich jetzt schon auf den Winter.“ Was wird das, Smalltalk? Er kratzt sich den Bauch, unterhalb des Nabels. Eine dünne Spur Haare zieht sich von dort aus abwärts und verschwindet im Hosenbund der ausgebleichten kurzen Jeans. Am anderen Ende ragen lange, weiße Beine mit Badelatschen hervor. Sexy ist was anderes.
„Bleibst du hier, bis dein Zeug fertig ist?“, fragt er jetzt und schiebt, ohne auf Antwort zu warten, noch nach: „Hier kann man es aushalten, fehlt nur was zu trinken.“ Wieder nicke ich nur. Flo verschränkt die Finger ineinander und dehnt die Arme, dass es in den Gelenken kracht. Ich verziehe das Gesicht, und er grinst.
„Empfindlich?“
„Nö.“
„Auch ’n Bier?“
„Hmhm.“ Er schlurft in den Nebenraum zu seinem Käfig. Eine Weile höre ich ihn herumhantieren. Als er wiederkommt, knallt er geräuschvoll einen leeren Getränkekasten neben mir auf den Boden.
„Sitzplatz der Luxusklasse für die Dame.“ Er haut die Flaschen so auf eine Tischkante, dass die Kronkorken durch den Keller fliegen, und gibt mir eine, dann fällt er wieder auf den Stuhl.
„Steh nicht so doof rum. Setz dich; sag was.“ Die Flasche ist lauwarm. Ich rücke meinen Hintern auf dem unbequemen Kasten zurecht und proste ihm zu.
„Bist ein echter Kavalier, danke für das lasche Bier.“ Der Schluck, den er im Mund hatte, ändert unvermittelt die Richtung und quillt ihm schäumend aus der Nase.
„Cooler Spruch“, spuckt er sabbernd in den Raum, wischt sich mit dem Unterarm die Brühe aus dem Gesicht. „Anders als die Plörre hier. Schmeckt warm wie Pisse, nicht wie Bier.“
„Bist ja ein echter Poet.“ Zwar ist das Zeug wirklich scheußlich, aber weil ich es zu schnell trinke, lockert es meine Zunge und entspannt mich etwas.
„Hast du was übrig für Poesie? Vorsicht, ich glaube, es kommt noch einer.“ Mit wichtiger Miene hebt er den Zeigefinger, runzelt die Brauen und rülpst lautstark. Dann klopft er sich auf die Brust und winkt ab. „Schuldigung, das war er noch nicht.“ Er konzentriert sich wieder.
„Es schwitzt der Arsch, es schwitzen Hände, heut schwitzen sogar Kellerwände.“
Ich applaudiere mit wenig Elan. Flo mustert mich eingehend.
„Hat dich nicht vom Hocker gehauen, was?“
„Auch nicht von der Kiste. Aber versuche es ruhig weiter, ich habe Zeit.“ Sein Magen knurrt. Ich beiß mir auf die Zunge, aber es flutscht trotzdem raus.
„Mich deucht der arme Bettelstudent, hat vor lauter Reimen das Essen verpennt. Wehe, wehe dem blutjungen Recken, der Hungertod will ihn niederstrecken!“
In Zeitlupe kippt er vom Stuhl.
„Rette mich!“, stöhnt er. „Oder noch besser: Füttere mich!“
Ich beobachte interessiert, wie er sich auf dem Boden windet.
„Füttern?“, frage ich und säubere demonstrativ gelangweilt meine Fingernägel.
„Ja, meine holde Poetin, füttere mich, rette mich vor dem Verhungern!“
„Unter einer Bedingung. Nö, lieber zwei Bedingungen.“ Er unterbricht das Leiden und Stöhnen für einen Augenblick.
„Gleich zwei? Das ist nicht gerade das, was ich von einer liebreizenden Retterin erwartet hätte.“ Ich werfe mit seinem Badeschuh nach ihm, der ihm beim Absturz abhanden gekommen ist.
„Seh ich etwa so aus, als wäre Gnade mein zweiter Vorname? Zwei Bedingungen, also. Ich krieg den Stuhl und du musst weiter dichten.“
„Was krieg ich dafür?“
„Die Kiste für den Hintern und kalte Ravioli.“
„Kalt klingt gut. Für was Kaltes mach ich heute alles. Muss ich mir selbst was ausdenken, oder kann ich auch von Profis zitieren?“
„Kannst du, wenn du kannst.“
Er springt auf, schiebt mir den Stuhl zurecht und deklamiert theatralisch: „Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken, eine Kachel aus meinem Ofen schenken.“
„Das ist ja irre passend bei der Hitze.“ Er verneigt sich mit großer Geste.
„Ist nicht meine Idee, ist von Ringelnatz. Krieg ich jetzt was zu essen?“
Barmherzigerweise trolle ich mich. In der Ecke meines Verschlages steht ein Stapel Dosenfutter für Notfälle. Da der Vorrat schon ziemlich geschrumpft ist in den letzten Wochen, beschließe ich, dass eine Dose genügen muss. Mein privater Hofnarr erwartet mich mit sehnsüchtigem Blick. Ich weiß, der Blick gilt nicht mir, sondern dem Büchseninhalt. So ein Idiot. Langsam, genüsslich, ja großkotzig ziehe ich an dem Ring, der den Deckel mühelos abheben soll. Selbstverständlich bricht er auf halbem Wege ab, das gibt einen kräftigen Ruck, der mir eine ordentliche Portion Pampe auf dem T-Shirt beschert....
Die Geschichte ist in voller Länge Nachzulesen in der Anthologie: "Sommer. Das perfekte Urlaubslesebuch", erschienen 2008 im Lerato-Verlag, Herausgeber: Jan-Eike Hornauer
nähere Informationen unter:
www.lerato-verlag.de
www.textzuechterei.de
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