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Der Sprung

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Geschrieben von: Brigitte
Donnerstag, den 29. Januar 2009 um 11:45 Uhr

Der Sprung oder: als das Nilpferd einmal fliegen wollte...

Blauer Himmel. Weiße Wolken. Sonnenschein. Entspannt blinzle ich in den Mittag. Um mich herum sitzen sportliche Menschen, die sicher genau wissen, was sie tun. Weiß ich das auch? Die ersten Instruktionen habe ich hinter mir. Bin eingepackt in einen Anzug, der mich wie einen Astronauten aussehen lässt. Oder auch wie ein Raumschiff. Die Gurte, mit denen ich verzurrt bin, sind unbequem, machen einen breitbeinigen Gang, wie mit Windeln. Ich horche in mich hinein. Keine Angst. Komisch. Sie kommt einfach nicht. Wo bleibt sie? Ungläubige Unruhe. Ich mache das wirklich. Ich mach das wirklich? Realisiere es nicht.

Neun verschnürte Marshmallow-Männchen stapfen über die Wiese. Ich bin eines davon. Muss an Armageddon denken. Heroisch. Aber ich ziehe nicht aus, um die Welt zu retten. Immer noch dieser unwirkliche Eindruck, als ich in den Flieger steige. Mich hineinquetsche in die Sardinenbüchse. Eingepresst zwischen fremde Menschen, die schon hunderte Sprünge hinter sich haben. Über 3000 hat mein Tandemmaster, dem ich jetzt halb auf dem Schoss hocke. Ohrenbetäubende Lärm. Es vibriert unter den Füßen. Alles klappert und scheppert, mein Magen ist flau. Der Kaugummi gegen Übelkeit schmeckt widerlich, betäubt die Zunge, hilft aber ein wenig. Ich grinse dämlich vor mich hin. Die Welt vor dem Fenster ist winzig und wunderschön; da draußen werde ich bald sein. Ich glaube es nicht. Kann gar nicht sein, dass ich das gleich mache.

Zwanzig Minuten gegart im Springeroverall. Der Höhenmesser am Handgelenk meines Meisters klettert höher und höher. Kurzes Gefühl von Realität, als er mich auffordert die Kappe und die Brille anzulegen. Mit Hilfe einer anderen Springerin hat er mich inzwischen so vor sich festgeschnallt, dass ich völlig unbeweglich an seinem Bauch klebe. 4.000 Meter. Bin ich eigentlich bescheuert? Jemand schiebt die Luke auf, die eine Kabinenseite ist fast komplett offen. Sie klatschen sich ab, sie strahlen, hängen zu zweit, zu dritt oder allein für Sekunden in der Öffnung, dann sind sie verschwunden.
Nur noch wir sind da. Andreas schiebt mich vorwärts auf das klaffende Nichts zu. Ein tosender Sog, von dem ich nicht sicher bin, ob er uns in den Flieger hineindrücken oder wie ein Riesenstaubsauger herausschlürfen will. Kein Zögern, kein Denken, nur Wind. Automatisches Ausführen der abgespeicherten Instruktionen. Hände ins Gurtzeug einhaken, Kopf in den Nacken, Beine überkreuz, anspannen. Kaum merkliches Kippen - und weg. Unbeschreiblich, unglaublich. Wir sind draußen! Ich höre mich schreien und staune. Kriege das Zeichen, die Arme auszubreiten. Ich fliege! Wind und Druck und Euphorie, solange der Schrei dauert. War das ein Wort oder ein Urschrei der Befreiung? Ich weiß es nicht. Als der Schrei vorbei ist, nimmt es mir den Atem. Die Brille und die Kappe sitzen fest, trotzdem reißt es so sehr daran, dass ich glaube, sie müssen sich jeden Augenblick von meinem Kopf lösen.
Keine Luft! Du kannst ganz normal atmen, da oben, hat der Kerl bei der ersten Einweisung gesagt. Wie denn, du Blödmann? Mit 200km/h drückt es mir meinen Atem in die Lunge. Fühle mich, wie ein aufgeblasener Frosch.
Kopf wieder in den Nacken, in die Ferne schauen, wenn es unangenehm wird. Ich krieg das hin mit der Atmung. Gleich, gleich, ich schaff das – da drückt mir Andreas schon wieder die Hände an den Gurt. Nein, bitte noch nicht! Jetzt weiß ich wie es geht! Aber auf 1.500 Metern ist der Freifall vorbei. Erinnere mich rechtzeitig daran den Körper wieder zu spannen, Füße hoch, Kopf hinter, Hohlkreuz, wie beim Ausstieg. Ein kurzer Ruck, ein merkwürdig weiches Gefühl, als ob ich hochgezogen werde, wie im Fahrstuhl. Der Druck lässt nach, Atmen ist leichter, aber es schaukelt. Mein Magen ist mit dem Lift bis in meine Kehle gekommen und dort hängt er jetzt. Es ist phantastisch hier oben - und ich denke ans Kotzen. Scheiße, ist mir schlecht. Seekrank. Wieso sollte es auch anders sein, als sonst. Nur, weil ich wollte, dass es anders ist? Andreas fragt mich mehrfach, ob es mir gut geht. Mehr als ein unglaubwürdiges Ja schaffe ich nicht. Obwohl es gut wäre zu sagen: dreh bitte keine unnötigen Kurven. Kann ich aber nicht. Muss ich auch nicht. Der Mann hat ein gutes Gespür. Kraftlos, wie ein nasser Sack, baumele ich in meinen Halteriemen und wünsche mir, dass es aufhört sich zu drehen, in meinem Kopf und meinem Magen. Desorientierung sämtlicher Steuerungselemente, fehlendes Raumlagemodell. Der Fallschirm dreht sich nicht. Er gleitet sanft den leuchtenden Rapsfeldern entgegen. Verwundert vernehme ich gelegentliches Stöhnen. Muss wohl ich sein, ist ja sonst keiner da. Vor mir läuft ein unwirklicher Film: Traumlandschaft mit Bilderbuchwetter. Wir proben die Haltung für die Landung. Mühsam bündele ich alle meine Kräfte. Ich kann die Beine kaum heben, auch nicht, wenn ich mit den Händen nachhelfe. Wieso? Meine Arme kribbeln, sind dabei einzuschlafen. Vielleicht sitzen die Gurte doch ein bisschen zu fest. Ich kenne das Gefühl, das jetzt kommt: leichte Trübung des Sichtfeldes, mein Kreislauf sagt mir leise Adieu.
Hey, Arschloch, verdirb mir jetzt nicht alles! Ich wollte das genießen! Genießen.
Bewusst durchatmen, konzentrieren.
Der Flugplatz wird größer. Schnell. Ich erkenne rennende Menschen. Beine hoch. Hoch und nach vorn. Meine Füße berühren den Boden, mein Hintern auch. Erde, wie ich dich liebe! Ich schließe kurz die Augen, lache, schnaufe.
Besorgt befreit sich mein Tandemmaster von mir. Unter mir. „Bist du okay? Dir ging’s nicht so gut, oder?“ Tief und ungehindert sauge ich die Luft ein, aber ich kann schon wieder grinsen, als ich ihm versichere, dass alles in Ordnung ist. Jetzt, hier unten. Er ist super nett und bestätigt mir, dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn der Kreislauf durcheinander gerät und das Blut nicht gut zirkulieren kann, wenn man so in den Seilen hängt. Ich weiß, er versucht mich zu trösten, weil der Sprung für mich nicht so toll war; ist selbst verunsichert, weil er das Springen liebt. Ich wiederum versuche ihm zu erklären, dass das nicht schlimm ist für mich. Ob ich Spaß hatte? Nein, Spaß ist etwas anderes. Eine neue Erfahrung, so oder so. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Aber auch froh, dass es vorbei ist.
Mein Ziel habe ich erreicht. Ich habe es durchgezogen, mich selbst überwunden und hatte dabei tatsächlich keine Angst. Nicht vor und nicht während dem Sprung. Da war nie das Gefühl, ich könnte abstürzen. Ich habe mich sicher gefühlt. Danke dafür, Andreas!
Und ich habe das Leben gespürt. Das Leben! Und wie. Mit aller Macht und Konsequenz und den dazugehörenden Extremen. Die Panik, die dich packt, wenn du glaubst nicht atmen zu können, ist mit Logik nicht zu verhindern. An dieser Stelle: Entschuldigung, an den Blödmann, dessen Namen ich vergessen habe. Es kann nur der Bruchteil einer Sekunde gewesen sein, bis mein Hirn wieder einsetzte, aber dieser Augenblick lässt sich nicht leugnen. Ebenso wenig aber auch der magische Moment des freien Falls, der dem vorausging! Und dann die schwankende Übelkeit, die mich das Leben voll Intensität erfahren ließ und mir die Tatsache ist Bewusstsein rief, dass sowohl mein Magen als auch mein Gleichgewichtsorgan, absolut bodenständig veranlagt sind und jedwede Abweichung von der für Menschen vorgesehenen Form des Daseins auf festem Untergrund daher nicht tolerieren.

Zwei Tage ist es jetzt her. Die Verarbeitung der Emotionen dauert noch an. Die Innereien sind wieder im Gleichgewicht, der Hormonspiegel normalisiert. Wenn ich noch mal vor der Entscheidung stünde, würde ich es wieder ausprobieren wollen. Denn ich wusste vorher, dass ich kein Vogel bin. Dass mir schlecht werden würde, stand außer Frage. Das Prinzip Hoffnung war da nicht angebracht. Gehofft habe ich trotzdem. Ich habe gelernt und erlebt. Vertraut und losgelassen. Gelebt! Und zu spüren, dass man lebendig ist, ist einfach geil!